100 Jahre Chinarestaurants in Deutschland
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- Wie kamen die ersten chinesischen Lokale nach Hamburg?
- Was war das „Tientsin“ in Berlin?
- Was geschah mit den chinesischen Lokalen in der NS-Zeit?
- Wann wurden Chinarestaurants in der Bundesrepublik populär?
- Warum schmeckt das deutsche Chinarestaurant anders als China?
- Wer betreibt Chinarestaurants heute?
Chinarestaurants gibt es in Deutschland seit gut hundert Jahren. Als erstes Chinarestaurant auch für deutsche Gäste gilt das Berliner „Tientsin“, eröffnet 1923. So schätzt es der Hamburger Historiker Lars Amenda ein. In Hamburg gab es schon um 1920 chinesische Lokale für Seeleute. So fasst es ein dpa-Bericht vom 4. Januar 2023 zusammen (Quelle: tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html).
Wie kamen die ersten chinesischen Lokale nach Hamburg?
Die ersten chinesischen Lokale in Deutschland entstanden in Hamburg-St. Pauli und hingen mit der Seefahrt zusammen. Europäische Reedereien beschäftigten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend chinesische Seeleute, vor allem als Heizer und Kohlenzieher auf Dampfschiffen. Nach dem Ersten Weltkrieg ließen sich Seeleute in Hamburg nieder, vor allem aus der südchinesischen Provinz Guangdong. Sie stammten meist aus der Umgebung Kantons und eröffneten Lokale, Wäschereien und kleine Geschäfte. Das beschreibt Lars Amenda in einem Aufsatz von 2005 (Quelle: akens.org/akens/texte/info/46/Chinesenviertel_Amenda.pdf).
In der Großen Freiheit, unmittelbar an der damaligen Grenze zwischen Altona und Hamburg, lagen seit den frühen 1920er Jahren einige chinesische Lokale. Einheimische sprachen seit Mitte der 1920er Jahre von einem „Chinesenviertel“. Nach Amenda war das angesichts von wenigen hundert Bewohnern übertrieben (Quelle: akens.org/akens/texte/info/46/Chinesenviertel_Amenda.pdf).
Die frühen Hamburger Lokale kochten kantonesisch und richteten sich nicht an Deutsche, sondern an chinesische Besatzungen der Dampfschiffe. Der Polizei fiel schon um 1920 auf, dass Chinesen aus englischen Hafenstädten nach St. Pauli kamen und Lokale mit kantonesischem Essen eröffneten. Als frühen Beleg nennt Amenda eine Anzeige von 1921 in einem Hamburgführer. Sie warb für ein „Chop-Suey-Restaurant“ namens „Peking“, über das sonst nichts bekannt ist (Quelle: dpa bei Tageskarte, 4. Januar 2023, tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html).
Was war das „Tientsin“ in Berlin?
Das „Tientsin“ war ein chinesisches Restaurant in der Berliner Kantstraße 130b, Ecke Leibnizstraße. Eröffnet hat es 1923 ein ehemaliger Koch der chinesischen Gesandtschaft. Benannt war es nach der nordchinesischen Stadt Tianjin. Das Lokal zog chinesische Studenten, deutsche Intellektuelle und die Bohème an, schreibt das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf (Quelle: berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/…/artikel.1513590.php).
Die chinesische Gemeinschaft rund um die Kantstraße entstand Anfang des 20. Jahrhunderts mit Studenten, vor allem an der Technischen Hochschule Charlottenburg. In den 1920er Jahren hatte der Verein chinesischer Studenten sein Büro in der Kantstraße 118. Die chinesische Botschaft lag am nahen Kurfürstendamm. Heute wird die Kantstraße wegen ihrer vielen asiatischen Restaurants oft Berlins „Chinatown“ genannt (Quelle: berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/…/artikel.1513590.php).
Was geschah mit den chinesischen Lokalen in der NS-Zeit?
Die chinesische Gemeinschaft in Hamburg wurde in der NS-Zeit verfolgt. Bei der sogenannten „Chinesenaktion“ verhaftete die Gestapo am 13. Mai 1944 in Hamburg 130 verbliebene chinesische Staatsangehörige. Sie wurden über Monate misshandelt. Im September 1944 kam eine Gruppe von 60 bis 80 Männern in das „Arbeitserziehungslager“ Langer Morgen in Wilhelmsburg. Unter den Verhafteten waren auch Betreiber von Lokalen in St. Pauli, so Lars Amenda (Quelle: akens.org/akens/texte/info/46/Chinesenviertel_Amenda.pdf).
Ganz aus dem öffentlichen Bild verschwand das Chinalokal in der NS-Zeit nicht. Im Film „Große Freiheit Nr. 7“ von 1944 spielt eine längere Szene in einem nachgestellten Lokal namens „Shanghai“. Nach Amenda dient es als Symbol für die Internationalität der Seefahrt (Quelle: dpa bei Tageskarte, tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html).
Wann wurden Chinarestaurants in der Bundesrepublik populär?
Chinarestaurants wurden in der Bundesrepublik in den 1950er und vor allem in den 1960er Jahren populär. Der Rheinische Merkur schrieb am 22. September 1961, China-Restaurants schössen in westdeutschen Großstädten „wie Pilze“ aus dem Boden. Ein wichtiger Ausgangspunkt war Hamburg. Dort eröffnete 1953 das „Tunhuang“ an der Alster, ein mit chinesischer Kunst ausgestattetes, stilbildendes Lokal. Das beschreibt Lars Amenda im Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2013 (Quelle: journals.univie.ac.at/index.php/rhy/article/download/7134/7104).
Ein verbreiteter Hamburger Stadtführer listete 1968 bereits 22 China-Restaurants auf. Sie bildeten damit die mit Abstand größte Gruppe der „ausländischen Spezialitätenrestaurants“. Seit den frühen 1970er Jahren eröffneten Betreiber Lokale auch in entlegeneren Stadtteilen. Die meisten Köche, die mehrere Jahre in einem China-Restaurant gearbeitet hatten, kauften mit ihren Ersparnissen ein eigenes Lokal. Von den Großstädten aus erreichte die chinesische Gastronomie seit den 1960er und besonders den 1970er Jahren auch Mittel- und Kleinstädte (Quelle: journals.univie.ac.at/index.php/rhy/article/download/7134/7104).
Chinesische Köche durften in den 1960er Jahren nur mit Ausnahmegenehmigung als „Spezialkräfte“ in die Bundesrepublik kommen. Weil die Volksrepublik abgeschottet war, warben Gastronomen vor allem in Hongkong und Taiwan an. Hamburger Behörden unterstützten die Lokale gegen die restriktive Bundespraxis. Sie sahen die China-Restaurants als Zeichen großstädtischer Internationalität (Quelle: journals.univie.ac.at/index.php/rhy/article/download/7134/7104).
Warum schmeckt das deutsche Chinarestaurant anders als China?
Chinesische Gastronomen passten ihre Gerichte an den westlichen Geschmack an. Zugleich inszenierten sie mit Einrichtung und Dekoration ein bestimmtes Bild von China. So wurde der Restaurantbesuch zu einer kulinarischen Kurzreise. Das Paradebeispiel der Anpassung ist nach Amenda Chop Suey, ein in den USA entstandenes Gericht. Seit den späten 1970er Jahren wurde in Europa zunehmend kritisiert, das Essen sei nicht „authentisch“. Gastronomen reagierten mit Professionalisierung und regionaleren Küchen, so Amenda (Quelle: journals.univie.ac.at/index.php/rhy/article/download/7134/7104). Mehr dazu im Artikel Regionalküchen hinter den Klassikern.
Wer betreibt Chinarestaurants heute?
Vor allem in Ostdeutschland werden viele Chinarestaurants nicht von Chinesen, sondern von Vietnamesen betrieben. Sie bauten sich als frühere Vertragsarbeiter der DDR nach der Wende eine neue Existenz auf. Beim Essengehen mit ausländischer Küche lag die chinesische bei Erwachsenen in Deutschland auf Platz drei. Sie lag hinter der italienischen und der griechischen Küche, so eine im dpa-Bericht von 2023 zitierte YouGov-Umfrage. Stand: Oktober 2026 (Quelle: tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html).
Ein dpa-Bericht vom 4. Januar 2023 nennt einige Chinarestaurants in Deutschland, die seit Jahrzehnten bestehen. Das Hamburger „Dim sum Haus“ am Hauptbahnhof gibt es seit 1964, nach eigenen Angaben ist es das älteste Chinarestaurant der Stadt. Das Berliner „Lon Men“ in Schöneberg existiert seit 1969 und nennt sich „älteste chinesische Gaststätte“. In München bestand das „Hong Kong“ in Schwabing 65 Jahre lang bis 2018 (Quelle: tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html).
Auch die Klischees über Chinarestaurants haben sich gehalten. Man bestellt per Nummer, und die Karten sind laminiert. Neben Gerichten süß-sauer mit Schwein, Rind, Ente oder Huhn stehen gebratene Nudeln, so der dpa-Bericht zum hundertjährigen Jubiläum (Quelle: tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html). Was hinter den Nummern steckt, erklärt der Artikel Die Speisekarte im Chinarestaurant lesen.
Quellen dieses Eintrags
- https://www.tageskarte.io/gastronomie/detail/100-jahre-chinarestaurants-in-deutschland.html
- https://akens.org/akens/texte/info/46/Chinesenviertel_Amenda.pdf
- https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/spazieren-und-wandern/kiezspaziergaenge/artikel.1513590.php
- https://journals.univie.ac.at/index.php/rhy/article/download/7134/7104